Liebe Regehner Heimatfreunde
einschl. der Ortsteile Watzum, Kalthof
und Tolklauken,
bereits vor einigen Jahren hatte ich
Ihnen etwas über ostpreußische Spezialitäten
und die Eßkultur auf dem
Lande berichtet. Diesen Faden möchte
ich heute noch einmal aufnehmen und
weiterknüpfen. Wie Sie sicherlich wissen,
wurde vor allem zu hohen Feiertagen
irgend etwas Besonderes gebacken.
An erster Stelle natürlich Butterfladen
oder Streuselkuchen, manchmal
Raderkuchen oder Purzel. Um die
Weihnachtszeit dann Pfefferkuchen,
Pfeffernüsse, Steinpflaster und Marzipan.
Irgendwann dann wieder Gründonnerstagskringel,
Mohnstritzel und
eine Vielzahl von Waffeln und Plätzchen.
Schließlich auch unser gutes Brot.
Das war eine mühsame Prozedur. Schon
Tage zuvor wurden wir mit einem Sack
Roggen im Handwagen zu Kuberkas in
die „An- und Verkauf“ geschickt, um
ihn dort mahlen zu lassen. August
Kosemund oder Gustav Böhm bedienten
uns dort, wie immer, sehr freundlich,
und wir baten darum - im Sinne unserer
Mutter - den Roggen beim Mahlvorgang
nicht so doll auszubeuteln. Am
Abend vor dem Backtag wurde der
Backtrog hervorgeholt und der Teig
darin vorbereitet. Natürlich durfte dabei
der in einem Steintopf aufbewahrte
Sauerteig nicht fehlen. Sehr früh morgens
wurde in stundenlanger mühseliger
Arbeit der Teig geknetet - von Mutter
und meinen großen Schwestern - zu
großen Laiben geformt und in den vor——
Regehnen .....
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bereiteten heißen Backofen geschoben
und gebacken. Meist begleitete diesen
Backvorgang ein stiller Segensspruch.
Der kürzeste war wohl: „Help de lewe
Gottke!“ Aber auch ein Spottvers ist
uns überliefert:
„Alle, de ons gram send, sulle ons
lecke von de Hacke bet tom Nacke bet
wie tom nägende Moal wäre backe.“
Beim Formen der Brotlaibe blieb
meistens etwas Teig übrig. Er wurde
dann flach auf ein Backblech ausgebreitet,
mit Butterflöckchen versehen,
Zucker überstreut und gebacken. Das
wäre eine Köstlichkeit. - Erbarmung.
Manchmal mißlangen auch die Brote
und die Krusten lösten sich - sehr zum
Ärger unserer Mutter - jedoch zur
Freude von uns Kindern, denn auch
dies war eine begehrte, knusprige Delikatesse.
Hm ...und frische gesalzene
Butter dazu... lecker!
Vom übriggebliebenen Restteig
wurde auch manchmal ein ganz kleiner
Brotlaib geformt und gebacken. Der
blieb dann für uns Kinder. Wir nannten
ihn „Kuckelke“. Dieser Begriff ist sicher
den meisten Samländern bekannt. Denn
in unserem Lesebuch gab es eine kleine
Erzählung, die da hieß:
„Warom de lewe Schwienkes en’ne
Erd wöhle.“
Und die ging ungefähr so:
„Unter den duftenden Brotlaiben,
die nach dem Backen zum Abkühlen
auf einen Tisch abgelegt wurden, befand
sich auch das kleine Kuckelchen. Es war
aber so unglücklich an der Tischkante
plaziert, daß es plötzlich herunterfiel
und über mehrere Stufen nach draußen
polterte, und bewegte sich, als habe es
Füße bekommen, hurtig immer weiter.
Die Schweine, die zufällig auf dem Hof
waren, fragten entsetzt: „Ower Kuckelke,
wo rennst du henn?“ Aber Kuckelke
hörte das gar nicht mehr, denn es war in
ein großes Mauseloch gefallen und
spurlos verschwunden. Seit dieser Zeit
aber wühlen die Schweine in der Erde -
auch heute noch - und suchen nach
dem armen Kuckelchen“. - Und das
nicht nur im Samland.
Diese kleine Begebenheit habe ich
meinen Enkelkindern als sie noch klein
waren erzählt. Jedesmal wenn wir uns
wiedersahen bettelten sie, und ich
mußte ihnen die Geschichte von dem
kleinen Kuckelchen immer wieder
erzählen.
Heutzutage finden wir - jedenfalls in
I unserer Regehner Gemeinde - fast nur
I verstepptes Brachland vor. Die wellenförmig
wogenden Roggenfelder existieren
nicht mehr. Kein Mensch fährt zu
irgend einer Mühle, weil sie platt gemacht
worden sind, und läßt das Korn
mahlen, um Brot backen zu können,
damit die hungrigen Mäuler satt werden.
- Was für eine Welt?
Man möchte unwillkürlich einstimmen
mit Marlene Dietrich in das sehr
nachdenkliche Lied:
„Sag mir, wo die Menschen sind,
wo sind sie geblieben;
Was ist geschehn?
Zogen fort, der Krieg beginnt,
wann wird man je verstehn?
Sag mir, wo die Gräber sind
wo sind sie geblieben;
Was ist geschehn?
Blumen wehn im Sommerwind,
wann wird man je verstehn?“
Für heute darf ich mich von Ihnen,
meine lieben Heimatfreunde, verabschieden
und vor allem unseren lieben
Kranken und Leidenden Erträglichkeit
ihrer Schmerzen wünschen.
Mit dem Wunsche für eine erholsame
und gute Zeit für Sie alle verbleibe
ich, bis zum Wiedersehen in Pinneberg,
in heimatlicher Verbundenheit
Ihr Willy Fischer,
Strumannstraße 4, 48231 Warendorf
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