Die Wagen wurden nacheinander über eine schräge Rampe auf das Eis
geführt. Es wurde schon dunkel. Die Strecken waren abgesteckt. Etwa
500 m östlich war eine Strecke für das Militär. Dort wurden hauptsächlich
Verwundete transportiert. Es dauerte nicht lange, da tauchten russische
Flugzeuge auf und beschossen das Militär und schließlich auch uns. Nun
konnten wir nicht mehr ausweichen. Es gab viele Opfer unter den Soldaten
und auch unter den Flüchtlingen. Am schlimmsten betroffen waren
die Menschen auf den Wagen und die Pferde. Die Fußgänger suchten
Deckung hinter den Wagen. Es war inzwischen Nacht geworden, aber
manchmal war das Haff durch die Leuchtraketen taghell. Wie durch ein
Wunder wurde niemand von unserer großen Familie verletzt. Etwa 1 km
vor der Nehrung, hier stießen wir auf den Militärkonvoi, drehte unser
Treck nach links ab. Es sollte weiter nach Kahlberg gehen, wir aber
wollten auf die Nehrung und versuchen nach Pillau zu kommen. Dort war
unser Vater bei der Marine stationiert und wir hofften, daß er uns weiterhelfen
könnte. Mutter stieg mit drei kleinen Kindern vom Wagen ab und
wir warteten nun darauf, daß uns ein Militärwagen auf die Nehrung mitnehmen
würde. Ein Funkwagen scherte aus und hielt an. Wir hofften, daß
er uns alle aufhehmen könnte, aber einer der Soldaten erklärte uns, daß sie
ihren Anhänger verloren hätten. Er war im Eis eingebrochen, aber nicht
gleich versunken. Dadurch konnten sie noch einen Teil der Ladung auf
den Motorwagen umladen. So war nicht mehr viel Platz und es konnten
wieder nur unsere Mutter und die kleinen Geschwister mitgenommen
werden, die übrigen versuchten auf den Trittbrettern der Schlitten, mit
denen verwundete Soldaten transportiert wurden, mitzufahren. Den
Kinderwagen mit der Kleinsten (Karin) zogen wir hinterher. Damals
fanden wir das sogar lustig. Der Kinderwagen war für uns sehr wichtig,
weil wir in ihm unter der Matratze die Windeln für Karin, das Verbandszeug
für unsere Mutter und andere wichtige Dinge verstauen konten.
Da der Funkwagen schneller war, kam er vor uns auf der Nehrung an.
Inzwischen war es stockdunkel und so fanden wir uns nur durch lautes
Rufen wieder. Aus der Feldküche gab es dann eine warme Suppe. In Erdbunkern,
die zur Tarnung mit Tannenzweigen abgedeckt waren, blieben
wir bis zum nächsten Morgen. Es war eisig kalt. Da halfen auch die mehrfach
übereinander gezogenen Kleider wenig. Am nächsten Tag, ich glaube
es war der 19. Februar, wurden wir schließlich nach Pillau gebracht.
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Hier war ja unser Vater bei einem Minensuchkommando stationiert. Als
ich aber dort anrief, wurde mir gesagt, daß er vor drei Tagen nach Bad
Schwartau bei Lübeck abkommandiert worden war. Von Bad Schwartau
hatte ich noch nie etwas gehört, so konnte ich mir nur Lübeck merken.
In Pillau wurden wir in einem Seemannsheim untergebracht und gut verpflegt.
Sogar Theater spielten die Matrosen für die Kinder. Auch konnten
wir hier unsere 14 Monate alte Schwester Karin baden. Zum Schlafen
wurde die Fußböden mit Matratzen ausgelegt. Kinderreiche Familien
wurden nun beim Weitertransport bevorzugt und so brachte man uns nach
2 Tagen zum Hafen. Hier türmten sich Berge \^n Hausrat. Angefangen
von Federbetten bis zu Fahrrädern; denn alles überflüssige Gepäck durfte
nicht auf das Schiff mitgenommen werden.
Auf einem Minensuchboot ging es nun nach Gotenhafen. Viele Verletzte
waren auf dem Schiff. Sie wurden dort von Krankenwagen abgeholt und
in Krankenhäuser gebracht. Auch unsere Mutter, die wegen ihrer offenen
Beine nun gar nicht mehr laufen konnte, wurde mitgenommen. Wir
Kinder wurden erst einmal in einem Kino untergebracht. Nach einigen
Stunden kamen wir dann in einen Kindergarten. Am nächsten Tag gab
man uns Platzkarten für den großen Dampfer "Hamburg". Nun mußten
wir erst einmal herausfmden, in welchem Krankenhaus unsere Mutter
war; denn wir wollten sie ja auf keinen Fall zurücklassen. Es war inzwischen
Abend geworden, ich glaube es war der 24. Februar. Alle waren wir
schon auf dem Schiff, das auslaufen sollte, und ich wartete ungeduldig an
der Gangway, die eingezogen werden sollte. Dann endlich wurde unsere
Mutter von zwei Sanitätern auf einer Tage gebracht. Sie bekam mit den
kleinen Geschwistern einen Platz in der Bibliothek zugewiesen. Hier
waren alle Kranken untergebracht. Wir Größeren wurden auf dem ganzen
Schiff verteilt. Die einen hatten im Laderaum auf Liegestühlen, die anderen
in Badewannen einen Platz bekommen. Ich mußte auf dem großen
Schiff ständig hin- und herlaufen und habe mich oft verlaufen.
Anfangs wurden wir gut verpflegt. Es gab u. a. Nudelsuppe mit viel
Fleisch. An Land waren herrenlose Kühe herumgelaufen, die man notgeschlachtet
und ihr Fleisch anschließend verteilt hatte. Davon bekam
wohl auch die "Hamburg" eine größere Menge. Sogar Milch gab es für
Kleinkinder. Meiner Erinnerung nach waren wir drei Tage auf dem Schiff,
als dann die Verpflegung doch schlechter wurde. 73