Full text : Unser Schönes Samland

Ein Berliner in Palmnicken

„Ich konnte dabei sein“ - so lautet
der Titel eines Buches - erzählt von
Johannes Jänicke. Beschrieben wird
sein Lebensweg. Eine der Stationen
war Palnicken, wo er von 1935 bis
1947 Gemeindepfarrer war.
1900 in Berlin geboren, aufgewachsen
 mit zwei Brüdern - der Vater
Stadtmissionar. 1925 wurde Johannes
Jänicke im Berliner Dom zum Stadtvikar
 ordiniert. Als Probst von Halle/
Saale und Merseburg 1949 eingeführt.
1955 hat er das Bischofsamt von Halle
und Magdeburg übernommen und bis

1968 fortgeführt.
Um die Pfarrstelle in Palmnicken
hat sich Pfarrer Jänicke aus gesundheitlichen
 Gründen seiner Frau
beworben. Als diese Absicht bekannt
wurde, wurden Vorurteile laut. Ein
Berliner - agil im Geist - geht zu den
Ostpreußen, die als stur und etwas
langsam im Geist angesehen wurden.
„Ostpreußen - das liegt doch im
Reich - irgendwo auf dem Weg nach
Rußland - wo nicht gar nach China.“
Pfarrer Jänicke beginnt seinen
Bericht - wie er meint - mit einer verhaltenen
 Liebeserklärung an Land
und Leute: „Ach, das geliebte Land
mit seinen dunklen Wäldern und kristallnen
 Seen.“ „Mit seinem weiten
Raum für Bäume, Tiere und Menschen
 - mit seiner leuchtenden Klarheit
 in den Spätsommer- und Herbsttagen
 - mit den Menschen, zwar
etwas wortkarg aber zuverlässig.“
In Zeiten des Nationalsozialismus
hat es auch Menschen gegeben, die es
gut mit ihm meinten; er ist nie verhaftet
 worden. Er folgte einer Vorladung

vom Amtsgericht Fischhausen. Der
Amtsgerichtsrat eröffnete ihm, daß
Anzeigen vorliegen, u.a. wegen Mißbrauchs
 der Kanzel zu antistaatlicher
Kritik. „Ich muß Sie fragen, ob Sie
auch in Zukunft das zu tun gedenken?“
 Da er aus Gewissensgründen
nicht anders kann, sagt er ja. Darauf
der Beamte: „Ich danke Ihnen - von
Ihnen habe ich nichts anderes erwartet.
 Ich denke gar nicht daran. Sie in
Schutzhaft zu nehmen. Die Volksseele
in Palmnicken würde kochen, wenn
ich es tue, und der Oberstaatsanwalt
in Braunsberg kann mir den Buckel
runterrutschen.“
Bei einer Vernehmung sagte ein
Gestapo-Beamter: „Wir kennen das bei
Ihnen. Sie sprechen in der Predigt von
Nebukadnezar, und die Gemeinde
merkt genau, daß Sie unseren Führer

meinen.“
Daß die Palmnicker Gemeinde mit
ihrem Pastor (=Hirten), sie wollten
ihn so nennen, stark verbunden war,
hat sich oft gezeigt. Zum Beispiel als
Pfarrer Jänicke Militärdienst leisten
mußte. Da stand eines Tages ein neuer
Pfarrer vor der Tür des Pfarrhauses -
-geschickt vom Konsistorium in
Königsberg. Frau Jänicke rief den
Gemeindekirchenrat zusammen. Die
Ausführungen des Pfarrers wurden
von einem Ältesten unterbrochen:
„Das interessiert uns im Augenblick
nicht - sind Sie ein Bekenntnispfarrer?“
 Das konnte nicht bejaht werden:
 „Herr Pfarrer, wir können Sie nur
bitten, uns schnell zu verlassen.“
Dieser tat es umgehend. Das Konsistorium
 hat eingesehen, daß die

Gaben dieses Pfarrers nicht ausreichten
 für eine Gemeinde wie Palmnicken.


Dann erlebte Pfarrer Jänicke den
Judenmord - das Kriegsende - den
Zusammenbruch und seine Folgen in
Palmnicken.

■■■Hi

Immer wieder taucht die Frage
nach Herkunft und Besonderheit des
„Peyser Bullen“ auf.

Wem gehörte dieses Tier? Entstammte
 es einer besonderen Rasse?
Hier die Antwort:

Zu den dem Wasserstraßenamt
Pillau zwecks Instandhaltung anvertrauten
 Seezeichen gehörte auch eine
verankerte Boje, die wegen ihres
plumpen Aussehens und des von ihr
abgegebenen dumpfen Warntons allgemein
 „Peyser Bulle“ genannt wurde.
Diese Seezeichen mußten nun in
bestimmten Abständen mit einer
Schutzfarbe versehen werden. Diesen
Auftrag führte seit Jahren ein Pillauer
Malermeister durch und stellte dem
Wasserstraßenamt anschließend die
Rechnung mit folgendem Inhalt aus:

Bein: Farbanstrich für den Peyser Bullen
1) Mit Schutzanstrich versehen = RM ....
2) Endgültiger Zweitanstrich = RM ....

Diese Rechnungen wurden stets
anstandslos beglichen, denn man
kannte sich auf dem Amt aus.

Trotz allem hat er gesagt: „Die
Jahre in Ostpreußen waren doch unsere
 besten.“

Nachgelesen in „Ich konnte dabei sein“
von: Eva Hanella, geh Toleikis,
Walter-Grosse-Ring 17, 38855 Wernigerode

Der „Peyser Bulle" ——

Eines Tages aber hatte es beim
Wasserstraßenamt eine Stellenumbesetzung
 gegeben und einem vom
Lande gekommenen jungen Referendar
 oblag nun die Bearbeitung der
Seezeichen-Rechnungen.
Dieser schaute sich kopfschüttelnd
obige Rechnung an und ließ sie mit
folgenden Randbemerkungen an den
Pillauer Malermeister zurückgehen:

1) Seit wann befindet sich ein Bulle im
Bereich des Wasserstraßenamts Pillau?
2) Warum war ein Farbanstrich erforderlich?


3) Warum wurde ein Zweitanstrich vorgenommen?


Das folgende Gelächter ging über
die Grenzen Ostpreußens hinaus. Die
Rechnung wurde bezahlt, wenn auch
verspätet.

Die Bezeichnung „Peyser Bulle“
jedoch erhielt für die Zukunft amtlichen
 Charakter. 65