Cranz und Nachbarorte
Liebe Cranzer und liebe Landsleute
aus den Nachbarorten!
Während ich diese Zeilen zu Papier
bringe, liegt das Deutschlandtreffen der
Ostpreußen gerade 2 Wochen hinter
uns. Meine Eindrücke sind noch frisch,
und ich schreibe über das, was unsere
Heimatgemeinschaft betrifft. Mein Bericht
enthält Erfreuliches aber auch
Trauriges.
Als erfreulich betrachte ich die Tatsache,
daß die Cranzer Heimatgemeinschaft
mit 62 Personen eine annehmbare
Zahl von Besuchern zusammenbrachte.
Davon besuchten 6 Personen
erstmals ein Heimattreffen und davon
wiederum waren 4 in meiner Ortskartei
bisher nicht aufgenommen.
Ebenfalls erfreulich war das Wiedersehen
von 2 ehemaligen Klassenkameradinnen
bzw. -kameraden, die sich
nach 60 Jahren erstmals wieder persönlich
gegenüberstanden. Hanna Garbe,
geb. Gerleick, und Helmut Klisch hatten
sich 1940 nach dem Verlassen der
Schule aus den Augen verloren. Damals
stürmten sie mit jugendlichem Elan in
das Berufsleben und heute stehen sie im
Herbst ihres Lebens. Leider reicht die
Zeit bei einem Treffen nicht aus, um die
verflossenen Jahre - beladen mit z.T.
sehr schweren Erlebnissen - auch nur
halbwegs aufzuarbeiten. Helmut als Bewohner
der ehemaligen DDR ist erst
spät zu unserer Heimatgemeinschaft gestoßen,
während Hanna kaum bei
einem Heimattreffen fehlt.
Auch nach Leipzig hatte ich meine
Fotosammlung von ca. 1400 alten Bildern
von Cranz und seiner Umgebung
mitgenommen, um sie Interessenten zur
Ansicht zu überlassen. Von bestimmten
Bildern hatte ich - wie bei allen Heimattreffen
- Abzüge fertigen lassen und
in Bilderständern zum Kauf angeboten.
Dabei stelle ich immer wieder fest, wie
beliebt und bekannt unser Cranz’che
war. Die Käufer meiner Bilder sind
überwiegend Nicht-Cranzer und hauptsächlich
Königsberger, die sich anhand
der Bilder an die schönen Stunden am
Ostseestrand erinnern. Die Cranzer
selbst haben sich im Laufe der Jahre
ausreichend mit alten Bildern versorgt.
Heimatliebe ist oft so stark, daß auch
Gehbehinderungen und das Alter kein
Grund dafür sind, dem Deutschlandtreffen
fernzubleiben. Als älteste Teilnehmerin
der Cranzer Heimatgemeinschaft
war Frau Helene Kiesow, geb.
Steinke, 86-jährig, in Begleitung ihrer
beiden Töchter, eines Schwiegersohnes
und zweier Enkel im Rollstuhl zum
Treffen erschienen. Mit wachen Augen
nahm sie am lebhaften Geschehen um
sich herum teil und hat vermutlich ihren
zum Zeitpunkt der Flucht erst 4 bis 5-jährigen
Töchtern sowie dem Schwiegersohn
und den Enkeln (alle Nicht-Ostpreußen)
von unserm Ostpreußen
und dem dortigen Leben erzählt.
Zwei ehemalige Nachbarskinder aus
der Arno-Kalweit-Straße, Deta (Margarethe)
Bonkowski, geb. Klein, und Hans
Ross, sahen sich am Sonntag nach 55
langen Jahren erstmals wieder. Die
Szene der Begrüßung habe ich im beigefügten
Bild festgehalten. Ich glaube, die
Aufnahme spiegelt etwas von den Gefühlen
des Augenblicks wider.
Hans ist 4 Jahre jünger als Deta und
der Spielkamerad von Deta’s kleinerem
Bruder Paul. Sie mußte auf beide immer
wieder aufpassen. Damals bekamen
auch wir Kinder schon kleine Aufgaben
zugeteilt. Deta und Hans versprachen
sich in Leipzig, von jetzt an engeren
Kontakt miteinander zu halten. Das
Schicksal machte dieses Versprechen
auf grausame Weise zunichte. Der
Cousin von Deta teilte mir nämlich mit,
daß Deta am Dienstag nach dem
Treffen ins Krankenhaus eingewiesen
und am Mittwoch dort verstorben sei.
Ich wollt es nicht glauben, aber leider ist
es die nackte Wahrheit. Wie unberechenbar
ist oft das Schicksal. Zwei Menschen
finden sich nach 55 Jahren wieder,
versprechen einander künftig engeren
Kontakt zu pflegen, und verlieren
sich 3 Tage später für immer. Unser besonderes
Mitgefühl gilt dem hinterbliebenen
Ehemann und seinen Kindern.
Meine letzte 'Besucherin am späten
Sonntag-Nachmittag war eine 85-jährige
Cranzerin aus der Fritz-Lange-Straße.
Ich hatte gerade etwas Zeit und
führte mit ihr ein engeres Gespräch. Sie
war von der Betriebsamkeit des Treffens
sichtlich beeindruckt und wurde wohl
besonders stark an Cranz und die spätere
Flucht erinnert. Mit zwei kleinen
Söhnen trat sie mit vielen anderen
Frauen, Kindern und alten Männern
den berüchtigten Marsch nach Schloßberg
an. Während des Erzählens trat ein
gequälter Ausdruck in ihr Gesicht und
Tränen rollten über ihre Wangen. Sie
sagte unvermittelt - vermutlich in Erinnerung
des damaligen Geschehens
„Sie hielten mir eine Pistole an die
Schläfe. Ich hatte doch die beiden
Jungen und durfte sie nicht alleine lassen.“
Da wurde mir klar, daß sie Vergewaltigungen
durch die russischen
Soldaten meinte. „Später“, sprach sie
weiter „bekam ich ein Russenkind und
wurde geschlechtskrank. Das Russenkind
starb. Ich konnte es doch nicht
ernähren, ich hatte doch nichts“, sagte
sie und faßte sich dabei an die Brust. In
diesem Moment wurde mir erneut klar,
daß unsere Frauen, Schwestern usw. auf
der Flucht kaum vorstellbares Leid
ertragen mußten. Wir Soldaten an der
Front oder in Gefangenschaft hatten es
viel leichter als die Frauen. - Nicht nur
das Russenkind, sondern auch einer der
auf die Flucht mitgenommenen Söhne
starb ebenfalls. Ähnlich dem vorgenannten
Schicksal verlief die Zeit von
1945 bis 1947 für die Cranzerin Erna
Ewert, geb. Karp, *1919, die darüber ein
Tagebuch geführt hat. Dieses Tagebuch
ist in dem Buch „Frauen in Königsberg
1945 - 1948“ mit 2 weiteren Frauenschicksalen
veröffentlicht worden. Es
wurde 1998 herausgegeben von der
Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen,
Bonner Talweg 68, 53113 Bonn,
ISBN 3-88557-173-0, und kann in den
Buchhandlungen zum Preis von DM
16,80 erworben werden.