Full text : Unser Schönes Samland

„ihre“ Kirche wieder mit Leben zu füllen.
Fünf Tage hatten wir Zeit dazu. Fleute,
im Rückblick, kann ich sagen, daß uns
das gelungen ist. Ohne den großartigen
Einsatz von Diana Obinja wäre das nie
gelungen. Sie verstand es, die Menschen
 direkt, von Flerz zu Herz anzusprechen
 und für die Idee zu gewinnen.
Gemeinsam mit den Dorfbewohnern,
 von denen wir mit großer
Gastfreundschaft aufgenommen wurden,
 begannen wir erst einmal, den
Chor der Kirche von Schutt und Dreck
zu befreien - siehe Foto. Nach einer
kleinen Andacht im Chor - an der auch
Dorfbewohner teilnahmen - begannen
dann am nächsten Tag die Verhandlungen
 mit dem Eigentümer der Kirche
- der ortsansässigen Agrar-GmbH; d.h.
mit ihrem Vorsitzenden; sodann mit
dem obersten Popen des Gebiets, Pantelejmon.
 Ergebnis: In Kumehnen wird
eine orthodoxe Kirchengemeinde gegründet
 und die Agrar-GmbH wird -
hoffentlich! - das Eigentum auf die
Kirchengemeinde übertragen.

Qemeinsam mit den Dorfbewohnern wird der Chor der Kirche von
Schutt und Dreck befreit

Der Zufall wollte es - oder war es
Fügung? - daß am letzten Tag unseres
Aufenthalts ein Pope zwei große Holzkreuze
 weihte und an den beiden Enden
des Dorfs aufstellte und daß sich anschließend
 viele Menschen taufen
ließen. In seiner Ansprache sagte der
Pope zu den Leuten: „Ihr habt die
Kirche zerstört, Ihr müßt sie auch wieder
 mit aufbauen. Ihr könnt Euch nicht
einfach darauf verlassen, daß in
Deutschland Geld gesammelt wird - Ihr
müßt selber etwas tun.“
Zurück in Deutschland, versuchen
wir nun, Geld aufzutreiben. Wir hoffen
auf Mittel der Bundesregierung. Um
all dies zu unterstützen, habe ich
zusammen mit K. Willamowius den
„Förderverein Kumehnen e. V.“gegründet.
Zweck des Vereins ist „die Erhaltung
sowie die Wiederherstellung von historischen
 Stätten und Gebäuden - insbesondere
 der im 14. Jahrhundert
errichteten Kirche - des ehemaligen
Kirchenbezirks Kumehnen/Ostpreußen,
 heute Kumatschowo, Oblast

Kaliningrad, Rußland. Es
soll das Bewußtsein um die
Bedeutung dieses historischen
 Kultur- und Naturerbes
 - auch für die heutige
Bevölkerung - verbreitert
und vertieft werden. Zur Erreichung
 des Vereinszwecks
werden geeignete Maßnahmen
 durchgeführt, um die
Bereitschaft zur ideellen und
finanziellen Unterstützung zu
fördern. Der jährliche Mitgliedsbeitrag
 beträgt DM
20,-. Interessenten wenden sich

bitte an den Autor dieses Beitrags. Gefragt
ist vor allem auch ideelle Unterstützung.
Man kann jetzt sicher herrlich darüber
 streiten, ob es richtig ist, aus einer
ehemals protestantischen eine orthodoxe
 Kirche zu machen; oder sogar darüber,
 ob man „dem Russen das Geld in
den Rachen schmeißen“ solle (auch solche
 Stimmen habe ich - wenn auch vereinzelt
 - gehört). Für mich ist eine
Kirche eine Kirche - egal ob das Kreuz
darin einen, zwei oder drei Querbalken
hat. Die Alternative dazu ist der endgültige
 Verfall der Kirche. Es ist fünf vor
Zwölf. Wenn wir nicht sofort etwas tun,

wird es die Kirche von Kumehnen in
wenigen Jahren nicht mehr geben.

Zum Abschluß möchte ich noch einmal
 A. Bachtin zitieren, der vor kurzem
im deutschen Fernsehen vor der Arnauer
 Kirche sagte: „Wenn Russen und
Deutsche jetzt nicht wenigstens den
Versuch unternehmen, zu retten, was zu
retten ist, verlieren wir alle gemeinsam
das kulturelle Erbe Ostpreußens.“

Di: Franz Friczewski,
Biitersworthstraße 15,30161 Hannover,
Telefon: (0511)3480776

Qewerbe. Industrie und Handel in Kumehnen

Der überwiegende Teil der Bevölkerung
 des Kirchbezirkes Kumehnen
war in der Landwirtschaft tätig, aber es
gab auch eine Vielzahl anderer Betriebe
in Kumehnen. Der Boden gehörte zu
den fruchtbarsten in ganz Ostpreußen.
Es wurden alle Anstrengungen unternommen,
 die landwirtschaftliche Nutzfläche
 zu erweitern.
So wurde im Jahre 1933 der größte
Fluß des Kreises Fischhausen, das Forkener
 Fließ (auch Forkenscher Fließ/
Forkener Mühlenfließ genannt), reguliert.
 Dieser Fluß, der heute Nel’ma
heißt, entspringt nördlich von Pobethen
und fließt über Forken in das Frische
Haff. Trotz der Regulierung hat dieses
Gewässer wenig von seiner Natürlichkeit
 eingebüßt, es besteht ein großer
Lebensraum für eine vielfältige Tierund
 Pflanzenwelt.

Desweiteren wurde durch Trockenlegung
 von Feuchtgebieten fruchtbares
Acker- und Weideland geschaffen.
Das Deutsche Reichsadressbuch des
Jahres 1920 berichtet von den Gewerbe-,
 Industrie- und Handelsbetrieben
 in Kumehnen:
Bäcker: Drunk, Frz. - Rothbarth
Bank: Darlehnskassenver. EGmbH
Fleischer: Diedrichkeit, F. -Wittke, Frz. -
Knabe, H. (in Pojerstieten)
Gasthöfe: Nord-Eisbär (Gustav Norgall)
- Palmbaum (G. Luberg) - Reichsadler -
Mattem, Ww. (in Pojerstieten)
Gemischtew.: Buldt, Fr. - Luberg, G. -
Norgall, Gustav
Manufakturwaren: Isakowitz
Maschinen-Fabr.: Eggert, Fritz
Molkereien: Kuchenbecker, E.
Mühlen: Buldtmann - Liedtke, O. -
Lullay (in Kalk)

34 35