Full text : Unser Schönes Samland

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vierte Studienjahr und waren alle schon
einmal in Deutschland zu Besuch gewesen.
 Die Voraussetzungen für einen
differenzierten Austausch waren also

gegeben.
Der erste Diskussionsblock stand
unter dem Aspekt: „Deutsch-russische
Begegnungen vor dem Hintergrund der
Geschichte“. Dr. Bärbel Beutner führte
mit einem kleinen Referat über Königsberg
 während der russischen Besatzung
von 1758 bis 1763 ein. Während des
Siebenjährigen Krieges, des letzten der
drei Schlesischen Kriege, geriet Königsberg
 in das deutsch-russische Spannungsfeld.
 Die Zarin Elisabeth eilte der
österreichischen Kaiserin Maria
Theresia gegen den Preußenkönig zu
Hilfe, und Königsberg wurde kampflos
von russischen Truppen eingenommen -
es ergab sich kampflos. Ja, die Königsberger
 leisteten sogar der Zarin den
Treueeid. Friedrich der Große verzieh
es ihnen nie, aber für die Stadt brach
eine Zeit des wirtschaftlichen und kulturellen
 Aufschwungs an. Unter den Gouverneuren
 Wilhelm von Fremor und
Korff wurde den neuen Untertanen der
Zarin nicht nur jede Bedrängnis erspart,
es begann auch eine Zeit des Vergnügens,
 der Lebenslust und der Bildung.
 Die russische Adels- und Offiziersschicht
 pflegte die französische
Lebensart und führte sie in das pietistisch
 geprägte Königsberg ein; Theater,
Musik, neue Tänze wurden zu einem
gesellschaftlichen Muß, und russische
Offiziere hörten die Vorlesungen Kants
- größer kann der Kontrast zu den
Geschehnissen in unserem unglückseligen
 Jahrhundert nicht sein. Kant nannte

diese Jahre, in denen er noch Privatdozent
 war, die angenehmsten seines
Lebens. Andrej Bolotov, Leutnant in
der Armee der Zarin, schildert diese
Zeit und den von Tränen begleiteten
Abzug der russischen Truppen. „Es gab
damals halt keinen Hitler, keinen Stalin,
keinen Ilja Ehrenburg!“, kommentierte
Louis-Ferdinand Schwarz diese Episode.


Diese wirken allerdings nach bei den
Begegnungen im Königsberger Gebiet
heute, wenn die vertiebenen Deutschen,
oft von den Russen rührend getröstet,
vor ihren zerstörten oder verschwundenen
 Höfen stehen. Eine solche
Begebenheit führte Bärbel Beutner
anhand ihrer Erzählung „Der Garten
von Barthenen“ vor Augen, eine Fahrt
zu einem Garten, der nur noch ein
sumpfiges Waldgebiet ist. Sie wollte
besonders bei den jungen Leuten Verständnis
 für die Generation erwecken,
die das nördliche Ostpreußen mit oft
sehr schmerzlichen Gefühlen erlebt
Prof. Dr. Koptzev konnte diese Erfahrungen
 bestätigen. Er hatte, wie alle
Deutsch sprechenden Russen des
Gebiets, „Heimwehtouristen“ in ihr
Dorf begleitet und eine enge Freundschaft
 mit einer Familie aus Kiel geschlossen.
 Das wiederum führte in die
Gegenwart, zu einem Besuch in der
heutigen Bundesrepublik.
Die Diskussion führte schnell zu
dem Problem „Heimat“. Die jungen
Russinnen erklärten das heutige Kaliningrad
 als ihre Heimat, in der sie
geboren und aufgewachsen seien. Sie
seien stolz auf ihre Stadt und auf die
interessante Geschichte. Die anwesenden

 Deutschen konnten diese Einstellung
 nachempfinden und erklärten
ihrerseits die Bindung an die alte und
verlorene Heimat. Der Zustand der
alten Heimat könne einen nicht gleichgültig
 lassen, und die vielen Aktivitäten
und Hilfen kämen halt oft aus der
Gefühlsbindung an das Heimatdorf.
Man bat die junge russische Generation
um Verständnis für diese menschliche
Schwäche, und die Resonanz erfolgte
ebenfalls auf der Gefühlsebene. Sie hätten,
 so schön es auch in Deutschland
gewesen sei, doch nach einiger Zeit
Heimweh bekommen, erklärten die
Studentinnen, und die Deutschen konnten
 wiederum von dem Verständnis und
der Herzlichkeit der Russen bei ihren
ersten Besuchen berichten.
Die Mittagspause vertiefte die
Kontakte. Man saß beim gemeinsamen
Mittagessen unter Bäumen, zum Strand
hinunter waren es nur wenige Meter,
und es wurde ein echte russischer
Fleischtopf serviert. Louis-Ferdinand
Schwarz hatte für ein wohltuendes
Ambiente gesorgt, das sich auch in der
Bewirtung mit eisgekühltem Mineralwasser
 während der Sitzungen zeigte.
Besonders der Gast aus Australien,
Mella Parshen-Kempfer, eine Westfälin,
die vor 34 Jahren nach Australien ausgewandert
 ist und heute als Dozentin an
der vor zehn Jahren gegründeten
Universität von Darwin arbeitet, freute
sich über das Gespräch mit den
Studentinnen über den Studiengang, die
Lebensbedingungen und die Zukunftspläne.
 Ein interessanter Gesprächspartner
 war auch Wolfgang Weber, der
seit mehreren Jahren in Rauschen lebt,

regelmäßig u.a. für das Ostpreußenblatt
und die Deutsche Umschau schreibt
und von seinen Erfahrungen vor Ort
berichten konnte. Die Organisation von
humanitärer Hilfe im großen Stil erfordert
 manches Kunststück beim Zoll,
wobei letztlich jeder über eine Zuwendung
 froh ist und es nur in Ausnahmefällen
 ausspricht.
Der Nachmittag stand unter dem
Aspekt „Austausch zwischen Universitäten
 Deutschlands und der Region
Kaliningrad“ sowie „Aktuelle Erfahrungen
 - Zukunftsperspektiven“. Prof.
Dr. Koptzev ging von dem Geiste Kants
aus, der auch zu Zeiten des Sperrgebietes
 Forschungsgegenstand der
Russen gewesen sei. Er nannte Kant
einen gemeinsamen Paten für Deutsche
und Russen. 1988 fand die erste Kanttagung
 statt aus Anlaß der 200jährigen
Veröffentlichung der „Kritik der
Praktischen Vernunft“, ln Königsberg
befindet sich der Sitz der Kant-Gesellschaft
 Rußlands. Prof. Dr. Koptzev habilitierte
 sich 1993 über „Kant und die
linguistischen Probleme des philosophischen
 Textes“. Seit 1996 ist er Inhaber
des Lehrstuhls an der Germanistischen
Fakultät, die früher zur Philosophischen
Fakultät gehörte, heute selbständig ist.
Es bestehen Partnerschaften zu den
Universitäten Essen und Kiel. Professoren
 und Dozenten halten in Königsberg
 Vorträge, der Studentenaustausch
läuft. Auch technische und finanzielle
Hilfe wird praktiziert.
Die umfassende und gründliche
Ausbildung der Germanistik-Studenten
- außer Sprache und Literatur gehören
Landes- und Wirtschaftskunde, Geo-16

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