Full text : Unser Schönes Samland

Mutter quittiert nur mit einem: „Na -
na - na“! Aber Hildchen mit ihrem
treuen Unschuldsblick: „Bloß ’e kleines
 Schlubberche, es wird dem Jungche
 scheen beruhigen und denn wird
er auch bald schlafen!“ Sie sollte
Recht haben! - Bald schlafe ich auf
ihrem Schoß ein. Wie ich ins Bett
gekommen bin weiß ich nicht.- Aber

der süße Geschmack und vor allem
der Duft des Portweines bleiben mir
lebenslang als Erinnerung an diesen
Heiligen Abend im Gedächtnis!

Horst Buldt,
Neddern End 6, 24787 Fockbek,
ehern. Geidau / Samland - Ostpr.

Das Spinnennetz

Nordöstlich von Königsberg-Hardershof,
 etwa auf der Höhe des Wasserwerkes
 in der General-Litzmann-Str.,
lag jenseits des Bahnkörpers.^der Samlandbahn
 das Restgut Kohlhof.
Ein Herrenhaus, diverse Ställe,
lange Scheunengebäude und ein herrlicher
 alter Park - der sogenannte
„Baumgarten“ - bildeten eine harmonische
 Einheit, umgeben von Wiesen
und Feldern, begrenzt im Westen von
der Bahnlinie und im Osten von der
Raiffeisenstraße. Eine Scheune war an
das Asid Serum-Institut vermietet. Hier
lagerten Gaspatronen gegen Wühlmäuse,
 phytopathologische Stoffe, usw.
unter dem Markenzeichen eines kleinen
 weißen Elefanten. In den Ställen
standen zeitweilig die Pferde einer
Abteilung der spanischen „Blauen
Division“ an der Ostfront.
Aber es gab noch ein anderes seltenes
 Tier auf dem Gut, eine riesige
schwarz-weiß gefleckte Deutsche Dogge.
 „Nero“ war ein wahres „Kalb“! Wir
Jungen kannten den Hund gut. Wenn

wir im Herbst die großen „Pfundbirnen“
strietzen wollten, stand er uns oft hinter
dem Zaun gegenüber.
Es war im Kriegswinter 1943, die
überschwemmten Wiesen waren nicht
mehr von „Gummieis“ überzogen, sondern
 steinhart zugefroren. „Gummieis“
war unsere Bezeichnung für das erste
dünne Eis, daß sich bog, wenn wir
Jungen schnell darüberliefen. Dazu
hatte es über Nacht geschneit und die
ganze Landschaft lag unter einem
dicken weißen Teppich, als an einem
stillen Sonntagmorgen ein einsamer
Skiläufer fernab vom Gut seine Bahn
zog, bekleidet mit einem Stirnband,
einem schwarz-gelben Pullover, braunen
 Knickerbockern, grünen Stutzen
und schweren braunen Skischuhen.
Es dauerte gar nicht lange, da hatte
jener Verwandte des „Hundes von
Baskerville“ den schwarz-gelben Käfer
in der weißen Landschaft entdeckt und
tobte auf ihn los. Wahrscheinlich mochte
 er schwarz-gelb überhaupt nicht.
Jedenfalls griff er den friedlichen

9b

Sportsmann an. Den Kopf von der
Größe einer mittleren Aktentasche weit
vorgestreckt keuchte er heran, mit flatternden
 Lefzen und Speichelfäden. Aus
der breiten Brust drangen kehlige
Urlaute, ähnlich dem Schnaufen einer
Dampflokomotive. Der weiche Schnee
erschwerte ihm das Laufen und machte
das Tier noch wütender.
Der Sportsmann erkannte die Lage
und blieb sofort stehen, richtete seine
selbstgefertigten Skistöcke aus Haselnuß
 mit 5 cm langen handgeschmiedeten
 Dornen auf das Ungetüm und wartete.
 Durch einen Sprung zur Seite
wich er dem heranstürmenden Tier
aus und hatte es nun von hinten. Jegliche
 Ausreißversuche beantwortete
der Hund mit noch wütenderen Attacken
 und so entstand im Schnee das
Abbild eines riesigen Spinnennetzes.

Dieses makabre Schauspiel dauerte
 vielleicht 10 Minuten, aber dem
Mann kam es vor wie eine Ewigkeit.
Müde vom Toben im Schnee und
abgeschreckt von den spitzen Dornen
standen sich nun Mensch und Tier auf
etwa 3 m Abstand gegenüber, beide
nach Atem ringend.
Offensichtlich hatte der Verwalter
Hildebrand vom Gut aus alles beobachtet,
 denn plötzlich stutzt das
„Kalb“, schaute zum Gut und trollte
sich. Eine für Menschenohren unhörbare
 Galtonpfeife hatte es wohl gerufen.
 Auch der Skiläufer drehte um und
lief aus verständlichen Gründen sofort
nach Hause. Es war mein Vater.

Heinz Bleeck,
Erich-Weinert-Straße 37, 18059 Rostock 07