Metadata : Unser Schönes Samland

Sie lassen alle schön grüßen...

Mal muß man an sich denken, sich
etwas gönnen, egoistisch sein. Das tat
ich in diesem Sommer. Ich fuhr ganz
allein nach Ostpreußen, ohne Reisegruppe,
 ohne Verpflichtung, wohnte in
unserem Dorf Heiligenwalde, wo ich
schon oft gewohnt habe und wo Russen
 und Deutsche in einem familienähnlichen
 Kontakt stehen.
Wie ist es, wenn man in Ostpreußen
 auf dem Dorf Ferien macht?
Eigentlich genauso wie in deutscher
Zeit. Der Gast wird gut genährt, darf
ich ausschlafen, man geht in den Wald,
um Pilze zu sammeln und Sauerampfer
zu pflücken, man macht einen Spaziergang
 zum Pregel und badet, falls das
Wasser mitspielt, und man hat die
Großstadt Königsberg in der Nähe
zum Einkaufsbummel, zum Besuch im
Tiergarten, zur Besichtigung des neu
erstandenen Domes oder der sehenswerten
 Museen. Zum Programm
gehören eine Fahrt nach Rauschen
oder nach Cranz, das Bad in der
Ostsee, der Bernsteinkauf an der Promenade,
 die Soljanka in einem Selbstbedienungslokal
 am Wasserturm.
Wenn man die Erzählungen aus
deutscher Zeit hört, so ist die Rede
von Fahrten mit dem Einspänner
durch die Felder, vom Kaffeetrinken
im Garten und von den vielen Früchten,
 die man den Sommer über direkt
von den Bäumen und Sträuchern
pflückte. Heute fährt man mit dem
Lada oder mit dem Fiat nach Tapiau,
wo es einen schönen Basar und neue,
saubere Geschäfte gibt. Als Einkaufsstadt
 ist Tapiau fast noch bequemer als
Königsberg. Der Basar bietet Fleisch,

Käse, Margarine, Öl, Süßigkeiten sowie
 Stiefel, Pullover, Unterwäsche und
.lacken zu jeder Jahreszeit. Die Frauen
verkaufen Beeren aus großen Gläsern,
Zwiebeln und Kartoffeln aus Körben,
und Gurken liegen säuberlich aufgeschichtet
 auf Brettern. Die Lebensmittelgeschäfte
 haben seit Jahren europäischen
 Standart. In Tiefkühltruhen
liegen Hühner, Gemüse, Tortellini, die
russisch „Pilmene“ heißen, Eis und
Fertiggerichte. Alkohol steht in großer
Auswahl in den Regalen, und die üppigen
 russischen Torten leuchten bunt in
Glasvitrinen. Aber die Preise sind
nach wie vor astronomisch im Vergleich
 zu den Löhnen und Gehältern.
Wenn man 500-600 Rubel verdient
und 9 Rubel für ein Pfund Margarine
bezahlen soll, und das ist noch preiswert,
 so wird klar, daß jeder sich einen
Zusatzverdienst suchen muß. Auf dem
Lande ist das nach wie vor der Garten.
Der Feriengast darf denn auch die
Mirabellen vom Strauch und die
Kirschen vom Baum essen, so lange er
will, und in die Suppe kommen die
eigenen Kartoffeln, der eigene Schnittlauch
 und die eigenen Möhren. Das ist
wie in früheren Zeiten.
Zunehmen muß man auch. In den
Ferien müsse man das, heißt es einfach.
 Und das ist kein Kunststück bei
süßer Milchsuppe am Morgen, bei mit
Fleisch oder Gemüse gefüllten Nudeltaschen,
 auf die reichlich Smetana, also
Schmand kommt, bei Hackfleisch mit
Schmorkohl oder bei usbekischem
Reisfleisch, dem sogenannten „Plof‘,
das man auch mit Kartoffeln und
Fleisch zubereiten kann. Meine Freundinnen

 sind excellente Köchinnen,
und sich am Abend nach einem erlebnisreichen
 oder arbeitsreichen Tag an
einem russischen Tisch mit Freunden
zusammenzusetzen, gehört zu den
schönsten Genüssen. Und was gehört
zu einem russischen Tisch? Vorspeisen,
 die aus Salaten, Tellern mit
Wurst oder kaltem Fleisch, Pilzen,
Gurken, Tomaten oder „Butterbrodi“
bestehen, und manchmal gibt es den
köstlichsten Fisch, Zander oder in Öl
gebackene kleine Filets. Zum Hauptgericht
 gehören Kartoffeln oder Reis,
gebratene Hühnerstücke, Gulasch,
Kotleti (das sind Frikadellen) oder
eben gefüllte Nudeltaschen in den verschiedensten
 Varianten. Man kann einfach
 nicht widerstehen, egal was auf
den Tisch kommt. Genötigt wird wie
im alten Ostpreußen. Noch ein Stück
Fleisch, noch ein Löffel Paprika-Salat,
noch ein mit gehacktem Fleisch gefüllter
 Kartoffelpuffer, der außen braun
und kross gebraten ist - die Waage ist
weit entfernt. Und wenn dann zum Tee
hinterher noch selbstgebackene Torte
gereicht wird, wird es ernst...
Wenn jemand in die alte Heimat
fährt, so lautet der Gruß, den alle mitgeben:
 „Grüß die Heimat!“ Das hat
sich eingebürgert, seit Reisen in das
nördliche Ostpreußen möglich sind.
Die Grüße werden immer konkreter.
Grüß Valerij und Iwan, Valentina und
Tatjana, frag, was aus Viktors Arbeitsstelle
 geworden ist und ob er das Haus
im Dorf noch kaufen will, bring der
Mutter von Ludmilla die Salbe für die
Beine und gib die deutschen Bücher
ab... die Deutschen sind wieder heimisch

 geworden in dem langjährigen
Sperrgebiet. Umgekehrt ist es genauso.
Dieser Brief ist für Fritz Müller, nimm
für Erna die Setzlinge mit, die sie in
ihren Garten einpflanzen soll, bestell
dem Heinrich, daß die alten Fotos gut
zu gebrauchen sind... So geht es nicht
nur in Heiligenwalde, sondern in vielen
 anderen Orten auch.
In diesem Jahr fuhr zum ersten Mal
ein junges Mädchen aus Heiligenwalde
 mit nach Deutschland. Lena
studiert Pädagogik an der Universität
Kaliningrad mit dem Schwerpunkt
Deutsch. Nun lag ein Besuch in
Deutschland bei den vielen deutschen
Freunden nahe. Sie verbrachte einen
Monat bei den deutschen Freunden
(oder Verwandten in gewisser Weise?),
vertiefte ihre Sprachkenntnisse, sammelte
 Erfahrungen über deutsches
Alltagsleben, hospitierte an Schulen
und lebte vor allem bei den deutschen
Familien, Ostpreußen und Heiligenwalder
 wie sie, mit denen sie schon
eine langjährige Gemeinsamkeit verband.
 In Heiligenwalde war die Reise
eine Sensation. Lena nach Germania!
Was wird Lena alles erleben?! Lena
besichtigte das „Museum Königsberg“
in Duisburg, besuchte die Landsmannschaft,
 nahm an Veranstaltungen
zum 50. Jahrestag der „Charta der
Heimatvertriebenen“ teil, bereiste das
Ruhrgebiet und das Münsterland und
probierte alle Eissorten durch. Im
nächsten Jahr will sie wiederkommen.
Mit Grüßen und Briefen versehen
fuhr sie zurück. „Sie lassen alle schön
grüßen!“, sagte mein Vater stets, wenn
er von Verwandtenbesuchen zurück-52

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