Ostpreußen 2000 - Leipzig
Kick mal da im grienen Kleid,
is das nich Annche Schneidereit?
Was hat die fier'n staatschen Mann,
den kick ich mir von vorne an!
Ich schleich mich ran ganz sacht von hinten,
„bist Du de Annche wo aus Zinten?"
die kickt mich ganz verbiestert an,
Erbarmung nei, ich bin von Craam!
Dann stellt euch vor, ich seh Max Mellen,
den lugendfreund aus Kraxtepellen...
Erbarmung, war der alt geworden,
ich dachd auch schon, der wär gestorben,
der glubschd mich an, ich dachd, o Graus, seh
ich womeglich auch so aus?
Und immer wieder trafst Bekannte,
selbst unser Tante Malchen rannte
mit fliegenden Röcken durchen Saal,
se had es ganz eilig, denn se mußde „e mal".
In jeder Halle, war das schön,
konntest immer wieder unser Ostpreußen seh n,
Marzipan, Gewebtes, das Ostpreußenkleid,
Bücher, Majolika, Bernstein,
und als Wahrzeichen ewiger Zeit -
den Elch -
Ruhig, vertraulich, als wollte er sagen,
ich bleib in der Heimat, Ihr müßt nicht verzagen.
Das Kulturelle kam auch nicht zu kurz,
manch einem war dies nicht grade piep-schnurz,
aber wenn er mal huckte so richtig bequem,
fiel es ihm schwer wieder aufzusteh'n,
weil er trank sein Tulpchen und dann nen
Pilikaller,
den mit der Leberwurscht, leider war er bald aller.
So saß vor mir einer, so vertraut anzuseh'n,
er murmelte leise, „ach mein liebes Ostpreußen,
was warst du doch scheen."
verstohlen wischte er ein Tränchen sich weg,
fragte dann mich ganz leise: Gibt's vleicht auch hier
Fleck?
Ich wußte es auch nicht, hatte keine gesehen,
auch Königsberger Klops nich, konnt's gar nicht
verstehen,
aber was war hier Essen und was war hier Trinken,
konntest doch dafür deinem Nachbarn zuwinken.
Der Einmarsch der Fahnen, die Redner und Sänger
hielten uns im Bann wie die Rattenfänger,
wehmütig wurde uns nahe gebracht,
was man aus unserer schönen Heimat gemacht.
Mit ihr im Herzen und mit dieser Reise
zeigten wir Heimatliebe auf unsere Weise,
drum laßt's von innen her leuchten, bei Tag und
bei Nacht,
dann haben wir aus unserem Leid noch das Beste
gemacht.
Dresden - Pfingstmontag - war ein besonderer Tag,
wir erlebten das „Blaue Wunder"
bei August dem Starken, Sebastian Bach,
der Elbe, jedoch ohne Flunder.
Die Semperoper, Thomaskirche und Schloß
präsentierten sich fürstlich in Sachsens Schoß.
Meißen und sein Porzellan hatten es uns am Dienstag
angetan,
am nächsten Tag, wir reisten hin,
im Hinterkopf die Frage drin:
Sollt mir gesonnen sein das Glück,
kauf ich mir dann ein kleines Stück?
Aber auch kleine Stücke waren sehr teuer,
so blieb Meißen nur ein Abenteuer
mit Stadtfest und beschränkter Sicht,
doch trübte dies unseren Frohsinn nicht.
Am letzten Tag noch die Lutherstadt,
Wittenberg, wie es mancher noch nicht gesehen hat.
Das Wohnhaus des Reformers, Grab und Museum,
Katharina von Bora, Schloßkirche mitTedeum.
Wieder zurück ins Flotel Sorat,
manche nochmals nach Dresden wollten,
wo sie der wiedererstandenen Stadt
Anerkennung und Ehre zollten,
dazu ein bißchen Schauen, ein bißchen Bummeln
und sich mit müden Füßen übers Steinpflaster tummeln.
letzt noch großen Dank unserem Fahrer Franz,
Idealbild seines Berufes, voll und ganz!
Er lenkte mit kundiger Hand und weiser Voraussicht,
daß alles ganz rund lief - nicht nur die Aussicht.
Und den Stau, fragt Ihr, den hätte er nicht gemacht,
uns dafür aber heil und sicher nach Hause gebracht.
Nun bin ich am Ende mit meinem Gedicht,
möchte Dank auch Frau Lüttich sagen,
die sich abgemüht hat in Sorge und Pflicht,
uns betuddert in allen Tagen.
Auch anderen Helfer, die sich gemüht,
daß alles aufs Beste gelungen,
bekommen als Lob und großen Dank
von uns ein Lied jetzt gesungen:
Eine schöne Zeit war uns beschert, wie es nicht viele gibt,
von reiner Freude ausgefüllt, von Sorgen ungetrübt.
Mit Liedern, die die Lerche singt, so fing der Morgen an,
die Sonne schenkte gold'nen Glanz dem Tag, der dann
begann.
Ein schöner Tag voll Harmonie ist wie ein Edelstein,
er strahlt uns an und rief uns zu, heut sollt ihr glücklich
sein
Und was das Schicksal uns auch bringt,
was immer kommen mag, es bleibt uns die Erinnerung;
jeden schönen Tag.
Eva Pultke-Sradnii
60
21. Bernsteinanhänger-Treffen
am 8./9. April 2000
Als Echo erlebter Tage im Kolpinghaus
zu Köln soll dieser Bericht gewertet
werden. Mein Gedächtnis öffnet seine
Tore und ich hoffe, daß dieser Nachklang
auch bei denen, die nicht dabeisein
konnten, das Erlebte vermittelt.
Die Heimat ist nun mal das Gelbe
vom Ei und sehr gerne manövrieren wir
uns immer wieder aus der Gegenwart
zurück ins geliebte Land, in die Zeit der
jungen Jahre.
Schon am Vorabend des eigentlichen
Treffens versammelte sich eine
kleine Schar Palmnicker „Mädchen“ in
edelster Mission, um der Veranstaltung
etwas Besonderes bieten zu können.
Der große Tag dann erfreute uns
schon wettermäßig mit Sonne, die
durch zarte, flüsternde Blätter kroch.
Und im Hochgefühl dessen, was uns im
großen Saal noch erwartetet, suchte
jeder Ankömmling eifrig einen passenden
Platz.
Wir wurden diesmal von Siegfried
Zigann, einem gebürtigen Sorgenauer,
sehr herzlich begrüßt. Er stellte sich als
Nachfolger von Günter Glauß vor, der
dieses Amt 20 Jahre lang innehatte. Die
annähernd 100 Anwesenden nahmen
ihn mit Beifall und Zuneigung auf.
Zunächst erfüllten wir in einigen bitteren
Minuten unsere Pflicht den Toten
gegenüber und -erwiesen ihnen unsere
Reverenz. Mehr Freunde als in den
Jahren zuvor hatten uns für immer verlassen.
Besonders schmerzlich für alle
ist der Verlust von Ernst Giesebrecht,
der so viel für seine Palmnicker getan
hat. Seine Schwester Giesela mit Ehemann
und seine Tochter Sybille waren
auch unter den Teilnehmern, und sie
bedanken sich an dieser Stelle durch
mich sehr herzlich und noch einmal
für die große Anteilnahme und die
Kranzspende.
Zum ersten Mal anwesend war
auch der Ehemann unserer verstorbenen
Nora Gutleben, Gustl Högl aus
Rosenheim. Er fühlt sich als Palmnicker,
steht mit vielen von uns in
Verbindung; außerdem ist auch sein
erster Sohn in Palmnicken geboren
worden. Dem Gustl hat es in unserer
Gesellschaft sehr gut gefallen.
Eine traurige Nachricht hatte uns
am Beginn des Tages noch erreicht:
Gerda Claaßen-Flemig wird mit ihrer
musikalischen Unterhaltung nicht zur
Verfügung stehen, sie wurde ins
Krankenhaus eingeliefert. Betroffenheit
breitete sich aus, nur Hoffnung und
Ungewißheit blieben uns. Gerda ist
aber inzwischen wieder wohlauf. Für
den selbsterdachten und -gefertigten
Tischschmuck hatte sie noch sorgen
können: reizende Segelboote, bunte
Blüten und anmutige, faltbare Dekorationen.
Jedenfalls strengten sich die
Arbeiten an, bemerkt und geachtet zu
werden.
Bevor nun jeder auf seine Weise aus
dem Vergangenen schöpfen konnte,
wurde er zum Zuhören gezwungen.
Mehrere Gedichte verschiedener ostpr.
Autoren wurden vorgelesen und danach
betrat eine Gruppe von Palmnicker
Marjellens das Parkett. Trachtenähnlich
gekleidet, mit derben Socken und
Schlorren an den Füßen, wurden sie
gleich zum Blickfang. Zur Musik aus der
Cassette - weil ja Gerda Claaßen mit
ihrer Akkordeon-Begleitung fehlte -