hohen Schuhen knirschen und knarschen
und der Wind kniff uns erbarmungslos
in Nasen und Wangen. Trotz
dieser großen Kälte war es uns aber
warm ums Herz.
Jetzt begann die Zeit des Ausruhens
für Menschen und Tiere. Es war die
Zeit des Überdenkens, es gab Zeit zum
Rumkniewein und reparieren aller möglichen
Dinge. Wir hatten Mußestunden
zum Lesen und Spielen. Manchmal
wurde es sogar ein bißchen langweilig,
aber das gehörte auch dazu. Darüber
klagten wir jedoch nicht allzuviel, denn
wir Mädchen wurden ja angehalten zum
Sticken und Stricken. Was waren die
ersten Wollsöckchen mit bunten Ringelchen,
zugleich die erste Hacke mit
Musterbörtchen, für eine Tortur, jedenfalls
für mich. Jeden Tag wenigstens ein
paar Zentimeter waren sozusagen
Pflicht. Und wehe, wenn so eine dammlige
Masche abgehauen war, runtergerebbelt
und man hatte es nicht einmal
bemerkt! Zwei kraus - zwei glatt gingen
dann nicht mehr auf! Oh, selige
Kinderzeit...
Natürlich war der Rodelschlitten
schon bei den ersten Flocken vom
Schuppen geholt. Die Schlittschuhe
wurden sogar in der Stube anprobiert,
was Mutter aber gar nicht gerne sah. Die
Jungens gingen jeden Tag prüfen, ob das
Eis auf dem Teich, in den Pelken der
Viehweiden schon zugefroren war. Es
erinnert uns an: „Das Büblein steht am
Weiher, noch gar kein festes Eis.“
Was war das doch für eine herrliche
Zeit. Wie sehr fror es uns an Händen
und Füßen, sogar die Tröpfchen an der
Nase, aber man hielt aus. Das Auftauen
und Erwärmen der Glieder war jedoch
genau so schmerzhaft - wenn das Blut
wieder zu zirkulieren begann. Im Haus
roch es jetzt nach Bratäpfeln, vielleicht
sogar nach frischem Brot und dem
nachgeschobenen Flammfladen, der
noch warm mit Butter gegessen wurde.
Meine Oma schob dünne Speckscheibchen
in den Teig. Und das, was
man heute als Neuheit anpreist, das
hatten wir damals schon längst.
Auch die Mutter hatte viel mehr Zeit
für uns, für sich. Mütter kommen ja bei
den eigenen Bedürfnissen immer ein
wenig zu kurz. Durch die Vorratshaltung
im Herbst hatte sie es auch leichter. Im
Keller lagerten gelbe Wruken, Weißund
Rotkohl friedlich nebeneinander. In
flachen Kistchen, in weißem Seesand
gebettet, schlummerten Karotten und
Petersilienwurzeln, sie hielten sich aber
nur begrenzt. Fleisch und Fische waren
in Holztonnen eingesalzen und mußten
vor dem Kochen gründlich gewässert
werden. Das dicke Pocherchen hatte
auch seinen letzten Schnaufer getan und
fand sich jetzt in Weckgläsern als
Braten, Blut-, Leber- und Grützwurst
wieder. Aber auch im Rauch hing noch
der Schinken, die Speckseiten und einige
lange Würste. Die irdenen Steintöpfe
waren teils mit herrlich weißem Schmalz
gefüllt, teils mit süßsauren Birnen,
Essigpflaumen, roten Beeten. Ganz was
Leckeres waren die mit viel Zucker dick
eingekochten ganzen Sauerkirschen.
So ein ganz klein wenig liegt uns
Älteren die Vorrats Wirtschaft doch
immer noch im Blut. Wie gut, daß wir es
gelernt haben. Jetzt, wo wir nicht immer
so können wie wir gerne möchten, die
50
Einkaufszentren oft für uns zum Tragen
zu weit sind, Enkel und Kinder meistens
keine Zeit haben, wenn sie bei uns vorhanden
ist, da ist es doch dann ganz gut,
in den Keller zu gehen, und siehe, in
Reih’ und Glied steht da so manches
Verlockende. Und wie gut, daß es die
Kühl- und Gefrierschränke gibt!
Junge Leute können es sich sicher
oftmals gar nicht vorstellen, wie es
damals war. Sie gehen in den Laden,
meinen, sie brauchen die Landwirtschaft
doch gar nicht, es gibt ja alles zu
kaufen. Noch, möchte ich sagen.
Und so hatte Weihnachten für uns,
neben der Heiligkeit, auch unbedingt
etwas mit dem Schnee zu tun. Manche
sagen, daß wir Ostpreußen, vor allem
wir Samländer, nicht gar so fromm
waren wie die Menschen anderswo, daß
sich manch Heidnisches in den christlichen
Glauben geschlichen und sich so
gar vermengt hätte. Deswegen waren wir
aber nicht weniger gottesfürchtig als die
anderen. Wir waren nur nicht so bigott,
und da konnte es auch schon mal Vorkommen,
daß der Kirchgang auf den
nächsten Sonntag verschoben wurde,
weil das momentane Leben den augenblicklichen
Einsatz erforderte. Dazu
kam, daß wir im Samland überwiegend
evangelisch waren. Als der Ritterorden
die Christianisierung brachte und die
Unterwerfung forderte, nahm er den
Menschen jedoch nicht ihre Heimat, ihr
Brauchtum und ihre Lebensart. Er vertrieb
sie nicht aus ihrem angestammten
Land.
Und so verwob sich heidnisches mit
kirchlichem, ohne sich einzuengen. Es
konnte nebeneinander bestehen, ohne
das wir Schaden an unserer Seele nahmen.
So wünsche ich allen ein frohes und
gesegnetes Weihnachtsfest, Gesundheit,
ganz viel innere und äußere Freude, viel
Geduld und ein wenig Neugier für das
Neue Jahr 2000.
Eva Pultke-Sradnick,
Benzstraße 43, 73614 Schorndorf,
TeL/Fax: 07181 -62843
„Flunder-Abiturienten"
trafen sich wieder in Cranz
Wieder waren 21 ehemalige Schüler
der Cranzer Schule, z.T. mit Angehörigen,
der Einladung von mir und
meiner Frau Valentina zu einem Treffen
in der Heimat gefolgt. Dabei wurden
zum Teil weite Anreisewege in Kauf
genommen; Richard Kramss und
Ehefrau kamen aus den USA. Den Kern
der Gruppe bildeten wieder die
„Ehemaligen“, die bereits bei den letzten
3 Treffen ihre „Flunder-Abitur-Prüfung“
erfolgreich abgelegt hatten.
Die „Prüfung“ besteht aus jeweils 10
Fragen zu 10 Fachgebieten. Sie sollte
-mit Scherzfragen gespickt - nicht tierisch
ernst genommen werden. Es