Full text : Unser Schönes Samland

Liebe Rothener!

Beim letzten Kreistreffen in Pinneberg
 wurde besonders von den jüngeren
Rothenern der Wunsch an mich herangetragen,
 mein Wissen über Rothenen
 aufzuschreiben. Immer wieder hieß
es: „Eva, Du weißt doch noch so viel
über Rothenen, schreib es auf, damit es
nicht vergessen wird!“ In den stillen
Winterwochen habe ich nun in meinen
Erinnerungen gekramt, damit ich mit
Euch in Gedanken durch Rothenen
wandern kann.
Wir kommen aus Richtung Nodems,
da geht es an den beiden großen Pappeln
 vorbei die auf dem Rosenberg stehen,
 den Pflasterweg entlang in den Ort
hinein. Wißt Ihr noch, der Weg war ein
Hohlweg und im Winter immer zugestiemt.
 Alle Männer aus dem Dorf
mußten dann zum Schneeschippen.
Rechts am Ortseingang stand das
Schild Rothenen, Kreis Fischhausen.
Links, da wo der Weg nach Grebieten
einmündete, stand die Feldscheune von
Bauer Dagott.
Der Weg nach Grebieten war ein
Hohlweg und immer recht matschig.
Aber gehen wir weiter. Da ist auf der linken
 Seite zuerst die Schmiede Flemming.
 Neben der Schmiede führt der
Weg nach Korjeiten. Schmiede und
Wohnhaus von Flemming gehörten in
Rothenen zu den neueren Häusern. Ich
kenne noch die frühere Schmiede in der
Nähe der Schule, da, wo die Auffahrt
zum Hof Niemann war. - Wir gehen
weiter. Das nächste Haus links ist das
Insthaus von Bauer Dagott. Da erinnere
ich mich noch an die Familie Priwall.
Ich glaube, sie waren lange Jahre bei
Dagott als Deputatarbeiter. - Ja, und

nun die Seite gegenüber. Da stand das
Gasthaus von Fritz Daniel. Wißt Ihr
noch, in der Scheune von Daniel übernachtete
 manchmal der „Bareledder“?
Ein Wanderbursche, der mit seinem Bär
über Land zog. Wir Kinder hatten
immer einen Heidenrespekt vor dem
Bären. Einmal, weiß ich noch, gab er im
Saal von Daniel eine Vorführung mit
dem Bären. Mein Vater hatte mich zu
dieser Vorstellung mitgenommen. Der
Bär zeigte allerhand Kunststücke und
dann konnten sich mutige junge Männer
zum Ringkampf mit dem Bären melden.
Ich hatte unheimlich „Schiß“ und wurde
immer kleiner auf meinem Stuhl.
Bei Daniel wollen wir noch ein bißchen
 verweilen. Außer dem Kolonialwarenladen
 und der Schankstube gab es
bei Daniel den einzigen Saal im Ort mit
einer kleinen Bühne. Nach meiner Erinnerung
 muß es in Rothenen auch eine
kleine Theatergruppe gegeben haben, in
der auch junge Leute aus Nodems spielten.
 In einem Theaterstück hatte man
meine Tante Lotte auf „alt“ geschminkt.
Sie wurde dann in eine Mühle geschubbst
 und kam am anderen Ende
jung und fit wieder heraus. Schade, daß
es ein Theaterstück war, solche Mühle
könnten wir auch gebrauchen.
Außerdem wurde bei Daniel im Saal
manchmal am Sonntag Nachmittag getanzt.
 Dazu brauchten wir keine großen
Vorbereitungen. Ich mußte nach Nodems
 laufen, um meinen Vetter Emil
Böhm zu „belatschern“, damit er mit seinem
 Akkordeon ein paar Stunden zum
Tanz aufspielte. Das war noch handgemachte
 Musik. Eintritt zahlten wir 20
oder 30 Pfennig.

Kurz vor Ausbruch des Krieges
gegen Rußland waren wochenlang Soldaten
 im Dorf einquartiert. Zu der Zeit
wurde auch noch in Daniels Saal getanzt
 und manche Rothener Marjell hat
wohl auch mal so’n „Schmisser“ angelacht.
 -

Könnt Ihr Euch noch an Kaufmann
Daniels schwarzes Pferd erinnern? Es
hieß Zacharias und stand meistens auf
der Weide hinter dem Spritzenhaus. Angespannt
 vor dem zweirädigen Rennwagen,
 ging es ab wie der Blitz Richtung
Saltnicken oder Nodems. -
Gehen wir weiter! Da ist auf der linken
 Seite die „blaue Villa“, in der vorn
der alte Herr Kohnke wohnte, der Vater
von Frau Dagott. Später wohnte dort
ein Zollbeamter namens Kleist. Auf der
Rückseite wohnte die Familie Pewe.
Von Pewes Haustür aus sah man auf
einen Teich. In diesen Teich war, wie
auch immer, das Pferd von Bäcker
Hübner gefallen. Es „schrie“ jämmerlich,
 bis ein paar Männer mit Stricken
und Bohlen es wieder an Land zogen.
Nun kommt als nächstes auf der linken
 Seite Wittkaus Strandscheune. Auf
dem Grasplatz vor der Scheune war
manchmal ein kleiner Jahrmarkt mit
Würfelbude, Kettenkarussel und Schießbude
 und - „Hau den Lukas“. Für uns
war es die Seligkeit.-Auf
 der gegenüberliegenden Seite
stand der Hof von Paul Wittkau. Bei
Wittkau war mein Vater Deputant und
ich habe dort auch so manchen
Schweißtropfen vergossen. Wittkaus
hatten einen großen schwarzen Hund,
den „Bauz“, der jeden Fremden lautstark
 meldete. Viel schlimmer für uns

Kinder war der große Ganter auf der
anderen Hofseite. Als größere Kinder
haben Frieda Baumeister und ich ihn
eingefangen und „geschaukelt“ bis er
besoffen war. Von diesem Tag an machte
 er einen großen Bogen um uns. -
Zwischen Wittkau und Daniel war
ein schmaler Weg, de „Dodegasske“.
Hier wohnte die Schneiderin Frau
Pantel. Den Weg weiter gehen wir zum
Hof von Kurt Dagott. Da ist erst einmal
der große Hofteich, der im Winter von
Lehrer Schiel mit den großen Schülern
als Schlittschuhbahn genutzt wurde.
Auf dem Hof begrüßte uns ein Pfau,
dessen Ruf an stillen Sommerabenden
im Dorf zu hören war. -
Nun wollen wir vom Hof Dagott
wieder in Richtung Dorfstraße gehen
und finden rechts den Teich von
Romey. Das Gewässer habe ich in keiner
 guten Erinnerung, darin bin ich beinahe
 ertrunken.
Ein paar Schritte weiter steht das
große Haus von Gustav Romey. Romey
war Schuhmachermeister in Rothenen.
In seiner Werkstatt wurden nicht nur
unsere Schuhe repariert, da wurde auch
kaputtes Pferdegeschirr wieder in Ordnung
 gebracht. In dem Haus wohnten
außer der Familie Romey die Familien
Hübner, Ernst Schock und Frau Kirsch
mit ihrer Tochter. Vor dem Haus befand
 sich eine hohe Hecke. -
Auf der gegenüberliegenden Straßenseite
 stand das Insthaus vom Hof
Niemann. Da erinnere ich mich noch an
die Familie Heidt; später wohnte da die
Familie Lulka. Wenige Schritte weiter
stand noch ein kleines Haus, da wohnte
der Schweizer von Niemann, und zuletzt 47